Vom Fundstück zum Geistesblitz von Alexandra Wach for Monopol magazine

Jedem seine Madeleine: Das Museum Abteiberg zeigt, welche Alltagsgegenstände Künstler inspirieren
von Alexandra Wach
MONOPOL 03.04.2013

Was verbindet handgeschmiedete Scheren von Rita McBride mit einer Menükarte, die der Amerikaner Jay Batlle in einem New Yorker Restaurant mitgehen ließ? Wie passen dazu ein funktionsuntüchtiger Fußball, eine Anleitung zum Barrenturnen und ein Paar Badelatschen? Nicht zu vergessen die alten LPs von Frank Zappa, die der Kalifornier Owen Gump beigesteuert hat. Die Antwort ist simpel: Alle diese Fundstücke haben ihre Besitzer in den Zustand blühender Produktivität versetzt. Nicht nur Proust wäre bekanntlich ohne seine geliebte Madeleine gescheitert. Erst die Erinnerung an das Gebäck seiner Kindheit versetzte ihn in die Lage, seinen frei flottierenden Flashbacks das Korsett eines epochal ausufernden Romans zu verpassen.

Das Online-Projekt „lonelyfingers“ nimmt folgerichtig auf seiner Website nicht etwa die Resultate, sondern die oft banalen Auslöser des magischen Geistesblitzes in den Blick. Seit 2012 firmiert das Künstlerpaar Diango Hernández und Anne Pöhlmann hinter dem nicht zufällig gewählten Namen. Es bezieht sich auf den einsamen Schaffensprozess im Atelier – wozu übrigens auch das fingerflinke Bedienen eines Computers oder Mobiltelefons gehört. Hier spürten die Düsseldorfer Initiatoren, die der Abgeschiedenheit den Austausch mit Betroffenen vorziehen, Objekte auf, die sich als stimulierende Krücken bewährt haben.

Zwölf der Angefragten finden ihre persönlichen Ideenspender nun im Ausstellungskontext vor. Das durchmöblierte Eingangsportal des Museums Abteiberg geht auf das Konto des australischen Designers Tom Sloan. Vollgestopfte Regale und Podeste schaffen eine Architektur, die zum assoziativen Stöbern einlädt. Zuordnende Texte fehlen gänzlich. Kleine Kuben bieten dafür Platz zum Innehalten. Der eigens geschaffene Salon entpuppt sich als Höhepunkt eines interaktiven Ansatzes. Immer sonntags verraten wechselnde Künstler die Geschichten hinter ihren „Konversationsstücken“, so der Untertitel der aufs Schönste kuriosen Schau. Beim Kaffee und Kuchen versteht sich. Und vielleicht sorgt dabei die eine oder andere Madeleine für einen kollektiven Kreativitätsschub.

„Lonelyfingers-Konversationsstücke“, Museum Abteiberg, Mönchengladbach, bis 2. Juni 2013

source: MONOPOL magazine